Die Geschichten:
Dörte:
Stefan:
Ruth:
Viktoria:
Der Klimawandel fordert erste Opfer in Norddeutschland
Petra:
Brigitte:
...und den Nordpol gibt's auch bald nicht mehr
Petra:
Poetry Slam - Januar 2008
Jeder hatte ein Wort genannt, das in den Geschichten vorkommen sollte:
- Grundkenntisse (Stefan)
- Kerzenlicht (Petra)
- Pinguin (Dörte)
- Zeit (Viktoria)
- genießen (Ruth)
- Froschtümpel (Brigitte)
Was dabei heraus kam kann hier nachgelesen werden:
Dörte:
Stefan:
Ruth:
Viktoria:
Der Klimawandel fordert erste Opfer in Norddeutschland
Petra:
Brigitte:
...und den Nordpol gibt's auch bald nicht mehr
Petra:
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Wie Herr Kaiser zu mir kam
Der kleine Pinguin stand ganz allein am Strand. Wie war er nur hierher gekommen?
Die Sonne schien heiß auf seinen ungeschützten Kopf. Das war er gar nicht gewohnt. Die vielen Farben! Ganz anders als zu Hause. Grün – hinter ihm war es grün, eindeutig. Er kniff die Augen zusammen. Zu Hause gab es auch grün, klar, aber dort lag es mehr in der Luft, kam aus den Eisschollen und war nicht so, so – fest.
Unter den Füßen fühlte es sich sehr merkwürdig an – als würde das Eis ihn nicht halten. Es kitzelte auch so komisch. Er wollte einen Schritt machen: Da, das Eis gab tatsächlich unter den Füßen nach. Er schwankte leicht und blieb dann wieder ganz ruhig stehen. Ihm war warm – heiß. Sein Herz raste. Das Wasser war zum Greifen nahe, aber er konnte nicht hin – er traute sich nicht. Wenn das Eis unter seinen Füßen ganz wegrutschen würde?
Eigentlich kannte er sich mit Eis aus – er hatte da schließlich seine Erfahrungen, und gewisse Grundkenntnisse bekommt ein Pinguin auch von den Eltern vermittelt. Dies aber war ihm gänzlich fremd. Darauf hatte ihn keiner vorbereitet. Überhaupt – wo waren all die anderen Pinguine?
Was sollte er nur tun? Es war niemand da, den er fragen konnte.
Er begann ganz ruhig zu atmen. Ein – aus – ein – aus. Beim Ausatmen zählte er langsam bis 10. Ja, jetzt ging es etwas besser. Das Herz beruhigte sich ein wenig.
Klar, er musste etwas tun. Hier so stehen bleiben, das war nicht gut. Die Sonne war so viel heißer als zu Hause und die Kopfschmerzen hingen wohl damit zusammen. Auch der Durst.
Er schaute sich ganz vorsichtig um. Das kitzelnde Eis gab wieder ein wenig nach – aber wenn er still hielt, hörte auch das Eis zu rutschen auf. Er schaffte es, sich umzudrehen, ohne von dem Boden verschlungen zu werden. Jetzt konnte er die grüne Wand besser sehen – sie lag ja jetzt vor ihm. Seltsame Geräusche kamen von dort: eine Art Rascheln.
Eigentlich, dachte der Pinguin, eigentlich sieht das ja ganz interessant aus. Was sich wohl dort verbirgt? Vielleicht haben sich die anderen dort versteckt? Ja, das wird es sein – die anderen suchen ihn und er steht hier ängstlich am Meer herum ohne ihnen ein Zeichen zu geben.
Wie lange er hier wohl schon gestanden hatte? Er war hier so, in diesem Zustand, aufgewacht – war er schon im Schlaf hier gewesen? Suchten die anderen ihn schon die ganze Zeit? Er sollte die anderen suchen gehen. Sich irgendwie bemerkbar machen. Vielleicht standen die anderen ja in diesem festen Grün und trauten sich nicht auf das gelbliche Kitzeleis. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass es still hielt, wenn er still hielt – die anderen wussten das wohl noch nicht.
Langsam, ganz langsam rutschte er mit einem Fuß vor. Tatsächlich – das Eis trug ihn. Es gab zwar merkwürdig nach, aber es hielt ihn. Also nun den anderen Fuß vorschieben...
Langsam näherte er sich der grünen Wand. Sie wuchs nach oben und zu den Seiten, je näher er kam. Das Kitzeln unter den Füßen war eigentlich ganz schön. Ja, er begann das Gefühl zu genießen. Auch tat die Bewegung gut – die Kopfschmerzen lösten sich ein wenig. Der Durst wurde allerdings nicht besser.
Eher im Gegenteil. Nicht daran denken....
Nun konnte er erkennen, dass die grüne Wand aus einzelnen Stäben, dicken, eher dunklen Stäben mit grünen Puscheln zusammengesetzt war. Das Rascheln schien aus den Puscheln zu kommen. Sie bewegten sich leicht – sahen aber gar nicht gefährlich aus. Schön war das! Ganz fremd aber irgendwie doch sehr schön. Sicherlich waren die anderen hier. Er rief sie – erst ein wenig zögernd, dann lauter. Er bekam keine Antwort.
Was tun? Hier, so direkt vor dem Grün auf Stäben, war es etwas kühler. Auch blies ein leichter Wind. Das tat gut!
Der Weg durch das seltsame Eis hatte ihn ganz schön ermüdet. Es war viel anstrengender als zu Hause. Da glitt man über das Eis.
Jetzt habe ich es so weit geschafft, dachte der kleine Pinguin, da werde ich mich doch auch trauen, weiter zu gehen. Hier stehen bleiben, davon wird der Durst nicht weggehen. Und das Kitzeleis ist ungenießbar. Das klebt bloß im Schnabel.
Dreimal holte er tief Luft. Etwas mulmig war ihm zu Mute. Alle anderen waren weg, er hier ganz allein, alles sah anders aus, fühlte sich anders an - und er wusste nicht einmal, wie er hergekommen war!
Wie dem auch sei, dachte der kleine Pinguin, ich habe es geschafft, über das Eis zu laufen, dann schaffe ich es auch weiter zu gehen.
Er blickte noch einmal auf das Meer zurück und dann watschelte er entschlossen zwischen die dicken dunklen Stäbe. Hier war es einfacher vorwärts zu kommen. Zum Glück.
Die Geräusche waren ganz anders als eben noch. Das Rascheln wurde eher zum Rauschen. Manchmal war es auch gar nicht mehr zu hören. Hin und wieder knackte es irgendwo. Und manchmal konnte er ein Piepsen höre, wie er es noch nie gehört hatte. Es war schon etwas beängstigend und fremd, aber im Großen und Ganzen wirkte es sehr friedlich und beruhigend auf ihn. Vorsichtig nach links und rechts spähend traute er sich immer weiter voran.
Wie lange er sich nun schon durch diese Welt bewegte, wusste er nicht. Sein Rufen nach den anderen Pinguinen blieb die ganze Zeit erfolglos. Der Durst machte ihm zu schaffen und die Füße taten nun auch sehr weh. Am liebsten hätte er sich etwas ausgeruht, aber das ließen der Durst und die leise Furcht, die ihn begleitete, nicht zu.
Es wurde langsam dunkler, die Furcht wurde größer. Wo sollte er die Nacht verbringen? So ganz allein in dieser fremden Welt?
Da hörte er plötzlich laute Geräusche. Was mochte das nur sein?
Nach all dem, was ich mich heute schon getraut habe, kann es nicht verkehrt sein, wenn ich mich auch traue, zu dem Geräusch zu gelangen. Die anderen Pinguine hören es möglicherweise auch und kommen dann dorthin. Ja, sicherlich, dort würde er sie alle wiederfinden.
Wieder holte er tief Luft und dann watschelte er entschlossen auf das Geräusch zu. Es wurde immer lauter, je näher er darauf zukam. Andere Pinguine konnte er nicht heraushören. Das konnte jedoch an der Lautstärke liegen.
Als es fast ganz dunkel war, erreichte er eine kleine Lichtung. Hier standen keine dunklen Stäbe mehr im Weg – dafür war der Boden mit grünen Fäden bedeckt, die sich um seien Füße wickelten. Unangenehm war es nur im ersten Moment, dann war es wunderbar erfrischend. Die Fäden waren nämlich kühl und feucht! Endlich etwas Feuchtigkeit! Er nahm einen Faden in den Schnabel – und es gelang ihm etwas von der Feuchtigkeit aufzusaugen. Oh, nun merkte er erst wie groß der Durst war! Der Bauch fing an zu brummen. Hunger! Wo sollte er denn hier einen Fisch auftreiben?
Nein, Mut, verlass mich nicht, dachte der kleine Pinguin. Und weil er ein so mutiger Pinguin war, watschelte er tapfer weiter. Inzwischen war es stockdunkel und das fremde Geräusch füllte die ganze Luft aus. Es roch würzig – dunkel roch es – aber auch nach Wasser! Das trieb ihn an, er lief schneller.
Da rutschte er plötzlich aus. Platsch, lag er auf dem Bauch und glitt über die feuchten grünen Fäden direkt in ein mildes Nass. Kein Boden mehr unter den Füßen! Er bekam einen riesigen Schrecken, prustete und paddelte mit den Flügeln.
Den ganzen Tag hatte er sich sehnlichst Wasser herbeigewünscht und nun war der Schreck größer als die Freude. Was war er doch für ein Schussel! Er trank in vollen Zügen. Oh, wie gut das tat. Es schmeckte zwar nicht so gut, ein wenig wie der Geruch, und kalt war es auch nicht – aber das war nun wirklich nicht so wichtig.
Als er den Durst gestillt hatte und innehielt, stellte er fest, dass das Geräusch, welches ihn hergelockt hatte, verstummt war. Verzagt hörte er hier und da ein „Quark“ aber sonst war es still.
Und dunkel war es nun auch gänzlich. Er blickte sich um und versuchte etwas zu erkennen. Nur Schatten waren auszumachen. Aber dort, dort blinkte ein kleines Licht. Was war das? Ein herabgefallener Stern vielleicht? In dieser seltsamen Wirklichkeit war so was bestimmt auch möglich.
Er rief nach den anderen Pinguinen. Keine Antwort. Oh weh, was sollte er nur tun? Wie sollte er ruhig schlafen können, wenn die anderen nicht da waren?
Das kleine Licht kam auf ihn zu. Er stand noch immer in dem Wasser und starrte nun dem Licht entgegen. Das Licht wurde von einer schwarzen Silhouette getragen. Er überlegte, ob er wegtauchen sollte, befand dann aber, dass das sinnlos wäre, weil das Wasser nicht tief genug war. Es machte ihm auch ein wenig angst, dass das Wasser so warm und still war.
Inzwischen war das Licht ganz nahe herangekommen, die Silhouette beugte sich zu ihm hin und sagte etwas. Eindeutig – wie konnte das sein? Sie sagte etwas! Das war kein Pinguin, wie konnte es sein, dass er verstand, was da gesprochen wurde? Er erkannte, dass ihn ein Augenpaar freundlich-fragend ansah. Unter den Augen war kein Schnabel, nur eine kleine Beule und die bewegte sich auch gar nicht wenn dieses Wesen sprach. Ein Schlitz unter dieser Beule, der bewegte sich, das konnte er erkennen.
Ganz ruhig bleiben, sagte sich der Pinguin, ganz ruhig. Was hat es für einen Sinn, wenn du zwar weißt, dass Du das Wesen verstehen kannst, aber die Bedeutung der Worte nicht hörst?
Das mit dem Atmen und dem Zählen hatte schon einmal heute geklappt.
Jetzt konnte er verstehen, richtig verstehen, was die Silhouette sagte. Sie sagte: „Na so was! Ein Pinguin in dem Froschtümpel! Mit dem Kerzenlicht kann man wirklich nicht so gut sehen, aber wenn ich es richtig bedenke, bist Du doch ein Pinguin?! Meine Grundkenntnisse über Pinguine sind nicht sehr weitreichend, aber sie sagen mir, dass es Zeit wird, dass Du hier herauskommst. Ich habe noch nie gehört, dass Pinguine nachts warmes Froschtümpelwasser genießen.“
Der Pinguin konnte vor Erstaunen gar nicht antworten. Es tat gut, so freundlich angesprochen zu werden, aber wie spricht man mit jemanden, der nicht einmal einen Schnabel hat?
Das Wesen stellte das Licht neben sich ab und zog den Pinguin aus dem Wasser.
„Weißt Du was? Ich mache Dir jetzt erst mal eine schöne kühle Badewanne, dann guck ich wo wir etwas Fisch herbekommen und Du erzählst mir, wie Du hier her gekommen bist.“
Nach der Wanne und mit viel Fisch im Bauch erzählte der Pinguin dann seine Geschichte. Ungefähr so, wie ich sie hier aufgeschrieben habe.
Was wirklich passiert war, konnten wir nie herausfinden – und einen Weg zurück haben wir auch nicht entdecken können. Andere Pinguine haben wir im ganzen Wald nicht gefunden – auch nicht am Strand. Dabei haben wir lange gesucht.
Die Pinguine bei Hagenbeck waren leider auch keine große Hilfe.
Schließlich hat der Pinguin, sich entschlossen, bei mir zu bleiben. Den Entschluss haben wir groß gefeiert – mit Hering satt und Eis gecrasht. Und einen Namen hat er auch bekommen.
Was liegt näher, als einen Königspinguin Kaiser zu nennen? Ja, wir hatten viel Spaß miteinander.
Aber als ich am nächsten Morgen in das Wohnzimmer kam, sah Herr Kaiser dann so aus, wir ihr ihn alle kennt....
© Dörte Schmidt-Reichard
Der Wasserberg
Die Sonne hatte sich schon weit über den Horizont erhoben, als Robert Bachmann, angehender Meeresbiologe aus Bremerhaven, wie jeden Morgen an Deck seiner kleinen Motoryacht kletterte. Mit zerzausten Haaren und Zehntagebart stand er da und räkelte sich genüsslich in der um diese Zeit noch angenehm warmen karibischen Morgensonne. Wie immer in solchen Momenten dankte er sich für seine Berufswahl. Später jedoch würde es wieder unerträglich heiß werden und er musste mit seinem Boot den ganzen Tag durch die Gegend schippern, um an 50 neuen Messpunkten Wasserproben zu nehmen.
Seit sein Institut sich an der Erforschung der toten Pinguine beteiligte, die in letzter Zeit immer häufiger in der Karibik gefunden wurden, hatte man ihn hierher zum Beproben abkommandiert und seit Tagen hatte er nichts anderes getan. Aber als kleines Lich t musste er s ich fügen. Anfangs war er sogar begeistert, aber das hatte sich schnell gelegt, als er merkte, was es hieß, tagelang allein auf dem Meer umher zu schaukeln.
Irgendwann wollte er einmal ausrechnen, wie viel Wasser er schöpfen müsste, damit der Wasserspiegel weltweit um einen Millimeter sank.
Alles schien wie jeden Morgen zu sein, als er plötzlich am Horizont etwas entdeckte, das aussah wie ein Berg aus Wasser. Anfangs wollte er seinen Augen nicht trauen. Zu unwirklich erschien ihm, was er da sah. Ein Trugbild, das seine Sinne ihm zur Strafe dafür vorspielten, dass er sie hier ein paar toter Pinguine wegen seit Wochen tropischer Sonne aussetzte.
Ohne zu zögern warf er den Motor an. Als er sich mit seiner Yacht der Stelle näherte und das unwirkliche Bild von einem immer lauter werdenden Tosen begleitet wurde, bestand kein Zweifel mehr. Hier, mitten auf dem Ozean, schoss ein gigantischer Wasserschwall aus dem Meer hervor. Wasser entsprang aus Wasser. Das ganze hatte etwas biblisches.
Gebannt stand Bachmann an Deck und schaute auf das unglaubliche Schauspiel. Was er sah schien Teil eines gigantischen Naturphänomens zu sein, von dem er noch nie etwas gehört hatte. Wie die Belüftungspumpe im großen Becken des meeresbiologischen Institutes in Bremerhaven, schoss es ihm durch den Kopf. Allerdings war jenes im Vergle ich nur ein Froschtümpel. Und die Pumpe hier - wenn man es so nennen konnte - war viel, viel größer.
Als er noch etwa 200 Meter entfernt war, entdeckte er das Rohr. Denn, was sich da durch die Wasserwand abzeichnete, konnte nur ein gigantisches ohr sein, dessen Ende etwa zwei Meter aus dem Wasser ragte und mindestens 20 Meter im Durchmesser maß. Aus ihm schienen sich all die Wassermassen zu ergießen. Aber wo führte es hin, oder besser, wo kam es her?
Die Wassertemperatur-Anzeige war je näher er kam immer weiter
gefallen. Aus den sonst üblichen 25°C waren schnell unter 20°C geworden. Was ging hier vor?
Noch bevor er die Frage im Geiste zu Ende formulieren konnte, war da ein Gedanke, der sich in Erkenntnisgeschwindigkeit zu einer ziemlich ungeheuerlichen Theorie entwickelte.
All die toten Pinguine mitten in der Karibik, fern ihrer antarktischen Heimat, deren Tod er mit untersuchte, das Abfallen der Wassertemperatur, die Verwerfungen auf dem Energiemarkt, die in letzter Zeit durch zahlreiche Übernahmen großer Unternehmen durch den Stromkonzern Electro-Brasil entstanden waren - all das, was scheinbar in keinem Zusammenhang stand, ergab für ihn plötzlich einen Sinn.
Zwar widersprachen seine Grundkenntnisse über kommunizierende Röhren dem, was sich in seinem Kopf zunächst noch als vager Gedanke abzeichnete. Aber, wenn er berücksichtigte, was er über die zum Teil erheblichen Abweichungen der Meeresspiegelhöhe in verschiedenen Regionen der Welt von den theoretischen Meereshöhen bei einer idealen Kugelform wusste, dann konnte das, was er hier sah Teil von etwas sein, das es eigentlich gar nicht geben konnte. ...
Ja, so musste es sein. Was er hier sah, war ein gigantisches perpetuum mobile. Eine Quelle unbegrenzter, nahezu kostenloser Energie.
Irgendwo, ein paar tausend Kilometer entfernt, in der Nähe der Antarktis musste sich das andere Ende dieses Rohres befinden. Dort allerdings, wo der Meeresspiegel über einhundert Meter höher war als hier, schaute das andere Ende des Rohres nicht aus dem Wasser.
Es befand sich unter der Oberfläche und sog all die Wassermassen in sich auf, die hier wieder aus ihm hervorschossen. Deutlich sah er den Schlund vor sich . Genau so musste es sein. Alles funktionierte ohne jede Pumpe, nur durch Schwerkraft. Das Wasser stürzte am Einlauf knapp einhundert Meter in die Tiefe, bis es auf den mit dem Auslass auf einem Niveau befindlichen Wasserspiegel innerhalb des Rohres traf. Kurz oberhalb dieses Punktes mussten sich die Turbinen befinden.
Nur so konnten so viele Pinguine immer wieder hierher gelangt sein, aufgesogen von einem gigantischen Rüssel, ausgespieen in einer für sie lebensfeindlichen Umgebung.
Und nur so hatte die Petro-Brasil-Tochter Electro-Brasil den halben amerikanischen Energiemarkt übernehmen können.
Plötzlich schreckte er aus seinen Gedanken. Irgendetwas hatte sich verändert. Ihm war, als hätte ein kühler Lufthauch das Licht einer Kerze erstickt und es fröstelte ihn auf einmal. Es war das Tosen der Wassermassen, das nachgelassen hatte. Der Wasserschwall wurde allmählich kleiner und kleiner, bis er kurz darauf ganz versiegte.
Jetzt war das Rohr deutlich zu sehen. Es sah aus wie einer dieser riesigen Öltanks, die er immer vom Hafen aus sehen konnte .
Dann begann das Rohr, sich lautlos zu senken. Als es im Wasser verschwunden war, sah alles wieder ganz friedlich aus, so als wäre nichts gewesen.
Bachmann wurde euphorisch. Er war sich sicher, er hatte das Rätsel der toten Pinguine gelöst.
Doch ihm blieb keine Zeit, seinen Triumph zu genießen. Denn abermals schien sich etwas zu verändern. Das Meergeriet wieder in Bewegung.
Und noch in dem Moment, als Bachmann den sich bildenden Strudel sah, wusste er, dass es keinen Sinn hatte, das Boot noch zu wenden. Irgendwo auf der Welt musste der Meeresspiegel gerade noch deutlich tiefer liegen als hier. Schnell wurde der Strudel größer und schon nach wenigen Sekunden riss es ihn wie einen kleinen Pinguin in die Tiefe.
© Stefan Mielich
Ein Pinguin auf Kreuzfahrt
Vor einiger Zeit erfuhren wir , warum die Pinguine bei Tag und bei Nacht einen Frack tragen: sie wollen bei der Ankunft der Kreuzfahrer, die hin und wieder an ihrer Küste festmachen, sofort in passender Kleidung an Bord gehen und den Abendveranstaltungen zusehen und zuören können.
Eines Tages geschah etwas Besonderes: die Drei Tenöre waren engagiert worden!
Nach dem spektakulären Konzert blieb ein begeisterter Pinguin heimlich an Bord, um den verehrten Sängern so lange wie möglich nahe zu sein. Er verbarg sich bis zum Ablegen des Schiffes in einem Rettungsboot. Nach ein paar Tagen bekam er eine Kabine zugewiesen. An den Konzertabenden schlich er sich unbemerkt in den Theatersaal, der nur spärlcih mit sanftem Kerzenlicht beleuchtet wurde. Unter dem Flügel nahm er Platz und lauschte entzückt den Darbietungen.
Im Laufe der Kreuzfahrt erwarb er sich die nötigen Grundkenntnisse des Liedgesanges und konnte so die unterschiedlichen Interpretationen genießen.
Das Schiff hatte inzwischen wieder Kurs auf die Heimat des kunstsinnigen Pinguins genommen, der an Bord oft Gelgenheit bekam, die Passagiere zu bedienen, weil einige Stewards seekrank wurden.
An Land ist er nur einmal gegangen. Bei einem Ausflug glaubte er, einen zum Bade einladenden See entdeckt zu haben, geriet aber in einen Froschtümpel und verhedderte sich in Schlingpflanzen.
Wieder daheim, hatte er seiner Sippe viel zu erzählen und sang ihnen auf Wunsch von Herzen gern zahllose Lieder und Arien vor.
© Ruth Homeyer
Der Klimawandel fordert erste Opfer in Norddeutschland
„Keine Zeit“, erwiderte die Nina, die Moderatorin, „ich muss in die Maske, jetzt sofort!“ Die Kollegen sahen sie noch den Flur entlang eilen, dann war nur noch ihr aufdringliches Parfum zu riechen. Das legte sie immer zur Sendung auf, war Lily aufgefallen. Komisch – als wenn die Zuschauer das hätten riechen können. Aber Lily fand die Redaktion und die Sendung „Knallhart – der Polit-Talk“ sowieso komisch. Sie war die Praktikantin.
Ihre Aufgabe war, am Abend der Live-Sendung zu recherchieren, ob die Gäste sich noch aktuell zum Thema geäußert hatten oder ob die Nachrichtenlage der Agenturen sich so geändert hatte, dass das Sendekonzept umgeschrieben werden musste. So saß sie im so genannten VIP-Raum eines norddeutschen öffentlich-rechtlichen Senders am Laptop und hielt gewissermaßen die Stallwache. Die Kellnerinnen Melanie und Christina zündeten Kerzen an, entkorkten die Weinflaschen, naschten von den Schnittchenplatten und lästerten über Ninas neue Frisur: Steckte ein neuer Mann dahinter? So blondiert war sie vorgestern von Sylt zurückgekommen. Nina würde erst ganz kurz vor der Sendung hektisch anrauschen – das sei gut für den dramaturgischen Spannungsbogen, hatte sie neulich erklärt. Schlecht war es für die Nerven der Aufnahmeleiterin, aber Nina genoss ihren Auftritt einfach umso mehr, je knapper die Zeit war.
Die Herren und Damen Redakteure machten am Abend eine kreative Pause, bevor die Gäste eintrafen. Lily musste nebenbei auch noch mit der Aufnahmeleitung und den Chauffeuren der Gäste, mit Taxiunternehmen und Reisebüros telefonieren, falls sich logistische Probleme ergaben: Staus und Autopannen, Glatteis und Nebel, Fluglotsenstreik, „unbefugte Personen im Gleis“. Dieses Mal hatte sich bloß der gehypte und umstrittene Klimaexperte Prof. Busch gemeldet: Seine Frau wolle ihn auf keinen Fall allein nach Hamburg reisen lassen, weil doch die ganze Stadt voller Demonstranten sei, Anarchie und so weiter. Bitte ein Doppelzimmer im Atlantik Hotel. Für Lily war klar: Der Mann wollte seine Geliebte einschmuggeln und ein bisschen angeben. Kein Problem, das Doppelzimmer hatte sie schnell gebucht und das war billiger als eine als Telefonrechnung getarnte Prostituierte wie neulich im Airporthotel. Busch vertrat die Meinung, dass der Klimawandel sich um einiges schneller vollziehen würde als bisher angenommen und dass die Sylter Schickeria es zuerst merken würde: Die Westkante würde abbrechen und die spektakulärsten Häuser mitreißen, Prominente würden obdachlos!
Auf der Presseseite seines Klimainstituts hatte er schon mal vorab verkündet, was er heute Neues zum Besten geben wollte: Der ganze Sylter Osten würde zum Froschtümpel werden, innerhalb kürzester Zeit. Die gesamte Wattseite werde verlanden und sei schon verloren, genau dort, wo die Immobilienpreise am höchsten waren, genau dort, wo der neue Kurdirektor Klausen gerade ein gigantisches Immobilienobjekt eingeweiht hatte – angeblich war er sogar daran beteiligt… Klausen war auch in die Sendung eingeladen worden - Ninas Vorschlag.
Nun, sollte sie die Meldung unter Ninas Garderobentür durchschieben? Lily wollte keinen Ärger bekommen. Die Notiz sollte Nina wirklich noch lesen. Klausen war bekannt dafür, dass er cholerisch reagierte, wenn jemand seine schöne Insel schlecht machen wollte. Und dies war wirklich eine Steigerung von schlecht machen – vernichten hieß der passende Ausdruck. Lily hoffte, dass sie nicht mit ihm allein sein würde, der Mann gruselte sie. Früher hatte er Boxwettkämpfe organisiert, auch illegale, mutmaßte man.
Wahrscheinlich würde sie nachher wieder mal mit den Chauffeuren der Gäste an einem Tisch landen und ihrem heimlichen Hobby frönen: nontakten nannte sie es, also nicht-kontakten und damit den Sinn und Zweck der ganzen Redaktion sabotieren. Sie ließ die VIPs immer links liegen und kümmerte sich um das Fußvolk. Nur noch zwei Wochen unbezahlte Ausbeutung, danach wusste sie wirklich, was sie niemals werden wollte.
Melanie baute jetzt noch einen riesigen Kuchen in Pinguinform auf dem Buffet auf. Die schokoladigen Bärentatzen-Füße standen auf einem Haufen Marshmallows und sahen nicht sehr pinguinartig aus. Aber eine Kellnerausbildung vermittelt eben nicht einmal Grundkenntnisse in Zoologie.
Nun – in wenigen Minuten sollten die ersten Gäste kommen. Lily war unschlüssig. Was tun mit den News? Sie druckte die Meldung dreimal aus und schaute sich um. Dann stopfte sie hastig zwei Käsebrötchen in ihre Handtasche und schlenderte unauffällig um die Ecke. Noch ein paar Momente Ruhe, die Nacht würde noch lang und stressig genug sein. Sie biss in das erste Brötchen und suchte in der Handtasche nach ihren Zigaretten. Draußen fuhr jetzt ein Wagen vor, Autotüren klappten, dann sah sie schon das zweite Taxi ankommen. Egal, diese Minuten hatte sie noch für sich, ganz in Ruhe und allein auf der Galerie des Studio-Neubaus. Ab 22 Uhr galt auch das Rauchverbot nicht mehr, fand sie.
Als der Schuss fiel, hatte sie gerade aufgeraucht. Es war irrsinnig laut, danach einfach nur still. Das machte keinen Sinn, fand Lily. Langsam ging sie um die Ecke, schlich auf den Garderobenflur, hörte Schritte, eine Tür öffnete sich. Nina in ihrem kürzesten Kleid schaute um die Ecke, neugierig, nicht ängstlich. Da stand noch eine andere Frau, jung. Sie sank in die Hocke, schnaufte. Und da erst sah Lily Professor Busch am Boden liegen. Kurdirektor Klausen im Hintergrund. Sie verstand erst, als die junge Frau anfing, hysterisch zu schreien: „Er hat ihn umgebracht! Rufen Sie die Polizei!“ Aber da fiel noch ein Schuss, oder war Nina schon vorher umgefallen? Lily konnte es kaum ausmachen. Sie sah nur noch, wie Klausen sich umdrehte, „Rufen Sie sie!“ sagte und ein paar weiße Zettel in kleine Stücke zerriss und über das Treppengeländer fallen ließ.
Im Kerzenlicht sahen die Pinguinfüße niedlich aus. Und die Begleiterin des ermordeten Professors noch jünger als sie war. Lily blies die Kerze aus. Sie hatte der Polizei alles gesagt, was sie wusste. War sie Schuld an den zwei Toten? Der Kommissar meinte nein. Klausen war Amok gelaufen: Er hatte die Pressemeldung von Klausen gelesen und befürchtete, in der Sendung würde Sylt dem Untergang geweiht werden. Und weil er mit Nina eine Affäre gehabt hatte, ging er davon aus, dass sie die Drahtzieherin in diesem Komplott war. Und das, obwohl sie doch für ihn und das Immobilienprojekt PR machen sollte!
In der Garderobe fand der Kommissar Ninas Handy und die letzte SMS, die sie bekommen hatte: „Deine Beteiligung vertragsreif. Freue mich auf die AftershowParty. Dein Kurdirektor.“
Lily war müde. Der Redaktionsleiter hatte sie in den Arm genommen, nachdem er die Ersatzkassette in die MAZ gegeben hatte, die Studiocrew nach Hause geschickt hatte und noch zwei Rotweinflaschen eingesteckt hatte. Jetzt lief ein Film über Eisbären.
© Viktoria Urmersbach
Tanz
Sie hatten sie überredet, ihren Widerstand einfach nicht gelten lassen. Ein Grund, den sie hätte nennen können, war ihr allerdings sowieso nicht eingefallen. Nun saß sie im Auto und die Lichterspiegel auf der regennassen Straße glitten rhythmisch vorbei und verringerten viel zu schnell den Abstand zum Ziel.
Die anderen schwatzten und lachten, aber Li konnte nicht mitreden, nicht einmal zuhören. Die Worte glitten an ihr vorbei wie die Lichter draußen.
Auf dem Parkplatz drückte sich der kleine Honda in die letzte Lücke. Sie mussten auf dem Weg zum Eingang um die großen Pfützen herumbalancieren, in denen über Kopf und spiegelverkehrt die eisblaue Neonschrift zu lesen war: „Arctic Pinguin“. Li überlegte, ob sich wohl irgendeiner der tanzwütigen Teenager, die zur Disco strömten – es schienen hautsächlich Schüler aus Izumo zu sein – über die Absurdität des Namens wunderte.
Mit jedem Öffnen der Tür waberte ihr die Musik schon entgegen. Als letzte in der Schlange trat sie ein und sofort legte sich der Beat um ihren Körper wie ein roter Plüschmantel. Einer der Freunde schob sie zur Bar und sie hievte sich auf einen der hohen Hocker mit dem Rücken zur Tanzfläche.
Das plüschige Gefühl wurde vom Kerzenlicht verstärkt, das aus Gläsern hervorflackerte, die mit rot gemustertem Seidenpapier umklebt waren. Auch die Flammen schienen sich nach dem Rhythmus der Musik zu richten, der Schalldruck brachte sie zum Tanzen, sie schmeckten wie Chili und Pflaumensauce auf einem sehr spitzen Löffel.
Die meisten Barhocker waren leer, weil sich alles auf der Tanzfläche drängte, zu der sich Li jetzt zögernd umwandte. Die Masse wogte wie Pudding auf dem Tablett eines Kellners gleichmäßig im Takt. Li konnte einzelne Leiber ausmachen, die sich entrückt bewegten, sinnlich wiegende Hüften und entspannte Gesichter unter blau glänzendem Haar. Was würde sie dafür geben, so in der Musik schwimmen zu können, so leicht und automatisch, so schön. Aber die Grundkenntnisse, die sie Anfang des Jahres aus den furchtbaren Tanzschulstunden mitnehmen konnte, halfen hier nichts. Dies war kein geregeltes Setzen von Schritten, dies war Transformation von Rhythmus in Freude und Trance.
Traf sie auf Blicke, drehte sie schnell das Gesicht zu ihrem Glas und trank mit betont uninteressierter Miene von ihrer Cola. Als sich jedoch die Plätze an der Theke neben ihr zu füllen begannen, spürte sie wieder das Chamäleon der Angst langsam ruckartig schwankend ihren Rücken hochsteigen. Sie fühlte die Blicke der Jungs, die jetzt mit ihren Partnerinnen zurückkehrten und nach einer weiblichen Abwechslung Ausschau hielten für eine neue Runde. In Lis Eingeweiden begann das vertraute hohle Ziehen und sie stürzte, erleichtert über diese Fluchtmöglichkeit, zur Damentoilette.
Kichernde Mädchen standen vor dem Spiegel, zogen Lippenrot oder Kajalstrich nach, alle mit dem Ziel Miaka Yuuki oder einer anderen Figur der neuesten Mangas zu ähneln. Li drängte sich vorbei in die rettende Festung der Toilettenzelle.
War sie ein Mauerblümchen? Wie die kleinen weißen Sternblüten, die in den Mauerritzen des Izumo-Taisha, des Shinto-Schreins in ihrem Wohnviertel wuchsen? Die waren überirdisch schön, kleine Lobelien, die jeder bewunderte und für ein göttliches Geschenk hielt. Nein, sie fühlte sich überhaupt nicht wie eine Blüte, eher wie eine Wurzel, die gewaltsam aus der satten Erde gezogen zwischen Blüten vertrocknete, die vergnügt ihre Gesichter der Sonne zuwandten. Außerdem sehnten sich menschliche Mauerblümchen danach, aufgefordert zu werden. Li nicht, Li fürchtete sich davor.-
Am Sonntagmorgen erwachte Li durch den Schrei des Pfaus auf dem Nachbargrundstück und dachte kurz und erleichtert daran zurück, wie sie die restliche Zeit und den Druck des Abends gestern auf der Damentoilette durchgestanden hatte. Schnell stand sie vom Futon auf, erfrischte sich im Bad mit kaltem Wasser und wickelte sich in ihren alten Lieblingskimono. Sie wollte in den Tempelgarten bevor die ersten Besucher zum Shinto-Schrein kamen.
Leise verlies Li das Haus und lief die zwei Häuserblocks bis zum Rand des Parks. Ein sanfter Wind summte durch die Kronen der Kiefern und auf dem Frauenmantel, der den Weg säumte, lagen dicht an dicht die silbrigen Wasserperlen, gehalten und gleichzeitig abgestoßen vom Haarflaum der Blätter. Li atmete den harzigen Duft und lief lautlos auf dem weichen Boden zum gegenüber liegenden Ende des Parks.
Unter den Schirmkronen der Agathie-Bäume, deren lichtes, hellgrünes Laub die Sonne bis auf den Boden hindurchblinzeln ließ, lag ihr Platz, ihr Platz zum allein mit sich sein. Der Froschtümpel, wie ihr Vater ihn abwertend nannte, denn er war der vom Zen-Geist durchwirkten Gartenbaukunst entgangen, die sonst das Tempelgelände bestimmte. Er war ein kleiner, natürlicher Weiher, an dessen Rand sich die Teichfrösche Gesangswettbewerbe lieferten und nacheinander wie grüne Gummibälle ins Wasser hüpften, wenn jemand den Teich umrundete.
Die Morgensonne glitzerte auf dem von den Froschsprüngen bewegten Wasser und über Li legte sich wie ein tiefer Ton die sanfte Ruhe, die sie nur hier spürte. So konnte sie den auf und abschwellenden Tanz der Mücken über dem Wasser genießen, ohne sich angstvoll verbergen zu wollen. Ein Tanz der einem verborgenen Zweck diente und keiner Musik bedurfte, keines Tanzpartners, keiner Zuschauer.
© Petra Ludwig-Sidow
...und den Nordpol gibt's auch bald nicht mehr
Nach dem immer noch reichen Mahl am Tag nach dem Fest setzte sich Herr Kaiser , während sich seine Frau in der Küche um den Abwasch kümmerte, erschöpft in seinen Lieblingssessel. Er griff nach dem Stoff pinguin , den sein Sohn zu Weihnachten bekommen hatte, und ließ dösend seinen Gedanken freien Lauf.
Ein schönes Fest war es gewesen. Gestern noch hatte er das Kerzenlicht am Weihnachtsbaum, den Duft der angekokelten Tannenzweige, die festliche Musik und die üppigen Leckereien genießen können.
Jetzt aber trat die unvermeidliche Ernüchterung ein. Wo war nur die Zeit geblieben? Die Zeit des zu Ende gehenden Jahres, die Zeit seines Lebens, die Zeit der Geschichte, die Zeit überhaupt? Und was war denn vor seiner Zeit, als er sozusagen noch im Froschtümpel saß? Gab es auch da so etwas wie Zeit??
Ach, das waren unlösbare Fragen, mit denen Philosophen sich befassten, während man doch hier und jetzt genug Probleme hatte. Wie sollte es mit der Erde weitergehen? Wie, wenn das Klima sich weiter so erwärmte? Die verheerenden Stürme werden immer zahlreicher. Die Eisbären am Nordpol finden ja kaum noch Eisflächen, auf denen sie Pinguine jagen können (und dabei drückte er das Stofftier zärtlich an sich) ja, wenn es so weiter geht, gibt es bald den ganzen Nordpol nicht mehr; entsetzliche Vorstellung, nicht wahr, kleiner Pinguin?
Da öffnete dieser seinen Stoffschnabel und sagte: „Mein lieber Herr Kaiser! Ihnen fehlt es entschieden – oder um es mit dem Modewort auszudrücken: definitiv – an Grundkenntnissen der Geographie.“
© Brigitte Steffen
Heimweh
Wie ein hüpfender Brummkreisel summt sich der Kühlschrank zum Hintergrundraunen. Die Tränendrüsenklänge, die mit dem kubanischen Son der prärevolutionären Greise wechseln, heben Julios Stimmung keinen Zentimeter. Cuba, vier Buchstaben, ein Klang wie Sofa im Kerzenlicht . Selbst „El Commandante“ an der Wand, einst gehasst und maximal mit „El Caballo“ tituliert, liefert ein heimelig-heimatliches Gefühl.
Hier ist eigentlich der falsche Ort. Hier, wo Einmal-Kubatouristen, die ihre beschränkte Urlaubs- Zeit hauptsächlich im Hotel zubrachten oder eingefleischte Wiederholungstäter, die im Jahresabstand auf die Insel der Propinos fahren, auf ihrer imaginären Leinwand graubunte Bilder projizieren vom Malecón, Schweinebucht und Zigarren. Zigarren, so süß und braun wie die Mulattinnen-Schenkel, auf denen sie in Wahrheit nicht gedreht werden.
Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen zieht es Julio hierher ins QBA II, Kuba dos, das zweite Kuba, keine zweite Heimat, nur zweite Wahl.
Zwar hatte er sich nach der überraschenden Wende entschlossen, in der ehemaligen DDR zu bleiben, jetzt wo er endlich über Grundkenntnisse der deutschen Sprache hinaus war, und die Chancen des herüberschwappenden Kapitalismus' zu nutzen, aber zu welchem Preis? Mehlsauce statt Salsa, kalter Nieselregen anstelle des feinen Schweißfilms auf der Haut. Und schließlich und endlich verschlossene Häuser und abweisende Straßen statt der abendlichen Geselligkeit auf der Straße, wo der eine Nachbar den Fernseher aus staatlicher Belohnung vor die Haustür rückt, der andere die Freunde von nebenan zum Backgammon lädt oder mit ihnen ein Fläschchen Havana Club genießt.
Diese Gesellschaft der klimatisch begünstigten Straßen wäre in Berlin allenfalls nach erfolgreicher Einwirkung des Treibhauseffektes vorstellbar, doch die kühle deutsche Seele reagiert kaum auf CO 2 -Anstieg, ihr sind die Pinguine am Südpol wichtiger als ein karibisches Leben in der Heimat , deshalb würden dann sicher nur die Klimaanlagenhersteller glücklich. Er aber Julio, ein Kind der Sonne und des Lebens, muss nun fünf Monate Kälte und Regen durchstehen, bevor die ersten Sonnenstrahlen ein Versprechen von Sommer auf die Haut zaubern.
Jeden Abend im QBA II abzuhängen, ist jedenfalls nicht die Lösung. Selbst wenn sich auf der Tanzfläche nicht nur bleiche Berliner unrhythmisch dicht an dicht bewegen, so dass man nur ab und zu einzelne Köpfe aus der wogenden Masse auftauchen sieht, so wie Schallblasen in einem überfüllten Froschtümpel, sondern auch dann, wenn die Latino-Mädchen aus der Spandauer Nachbarschaft kommen. Mit ihrem ansteckenden Lachen und ihren sinnlichen Tanzbewegungen bringen sie heimatliche Gefühle in den düsteren Sinn. Aber nicht lange, dann ist alles wieder vorbei und Julio wird bewusst, dass er in Ostdeutschland ist, wo es abends nach Braunkohlenfeuer riecht und nicht nach dem würzigen Feuer der Santeria, nicht nach Barbecue und nicht nach dem Schweiß der Zehntausend, die bei glühender Hitze den ewig langen Reden Fidels lauschen.
© Petra Ludwig-Sidow
