Jour Fixe - Eigene Geschichten

Poetry Slam - Januar 2008

Jeder hatte ein Wort genannt, das in den Geschichten vorkommen sollte:

  • Grundkenntisse (Stefan)
  • Kerzenlicht (Petra)
  • Pinguin (Dörte)
  • Zeit (Viktoria)
  • genießen (Ruth)
  • Froschtümpel (Brigitte)

Was dabei heraus kam kann hier nachgelesen werden:

Dörte:

Wie Herr Kaiser zu mir kam

Stefan:

Der Wasserberg

Ruth:

Ein Pinguin auf Kreuzfahrt

Viktoria:

Der Klimawandel fordert erste Opfer in Norddeutschland

Petra:

Tanz

Brigitte:

...und den Nordpol gibt's auch bald nicht mehr

Petra:

Heimweh (als Zugabe)

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Wie Herr Kaiser zu mir kam

Der kleine Pinguin stand ganz allein am Strand. Wie war er nur hierher gekommen?

Die Sonne schien heiß auf seinen ungeschützten Kopf. Das war er gar nicht gewohnt. Die vielen Farben! Ganz anders als zu Hause. Grün – hinter ihm war es grün, eindeutig. Er kniff die Augen zusammen. Zu Hause gab es auch grün, klar, aber dort lag es mehr in der Luft, kam aus den Eisschollen und war nicht so, so – fest.

Unter den Füßen fühlte es sich sehr merkwürdig an – als würde das Eis ihn nicht halten. Es kitzelte auch so komisch. Er wollte einen Schritt machen: Da, das Eis gab tatsächlich unter den Füßen nach. Er schwankte leicht und blieb dann wieder ganz ruhig stehen. Ihm war warm – heiß. Sein Herz raste. Das Wasser war zum Greifen nahe, aber er konnte nicht hin – er traute sich nicht. Wenn das Eis unter seinen Füßen ganz wegrutschen würde?

Eigentlich kannte er sich mit Eis aus – er hatte da schließlich seine Erfahrungen, und gewisse Grundkenntnisse bekommt ein Pinguin auch von den Eltern vermittelt. Dies aber war ihm gänzlich fremd. Darauf hatte ihn keiner vorbereitet. Überhaupt – wo waren all die anderen Pinguine?

Was sollte er nur tun? Es war niemand da, den er fragen konnte.

 

Er begann ganz ruhig zu atmen. Ein – aus – ein – aus. Beim Ausatmen zählte er langsam bis 10. Ja, jetzt ging es etwas besser. Das Herz beruhigte sich ein wenig.

Klar, er musste etwas tun. Hier so stehen bleiben, das war nicht gut. Die Sonne war so viel heißer als zu Hause und die Kopfschmerzen hingen wohl damit zusammen. Auch der Durst.

Er schaute sich ganz vorsichtig um. Das kitzelnde Eis gab wieder ein wenig nach – aber wenn er still hielt, hörte auch das Eis zu rutschen auf. Er schaffte es, sich umzudrehen, ohne von dem Boden verschlungen zu werden. Jetzt konnte er die grüne Wand besser sehen – sie lag ja jetzt vor ihm. Seltsame Geräusche kamen von dort: eine Art Rascheln.

 

Eigentlich, dachte der Pinguin, eigentlich sieht das ja ganz interessant aus. Was sich wohl dort verbirgt? Vielleicht haben sich die anderen dort versteckt? Ja, das wird es sein – die anderen suchen ihn und er steht hier ängstlich am Meer herum ohne ihnen ein Zeichen zu geben.

Wie lange er hier wohl schon gestanden hatte? Er war hier so, in diesem Zustand, aufgewacht – war er schon im Schlaf hier gewesen? Suchten die anderen ihn schon die ganze Zeit? Er sollte die anderen suchen gehen. Sich irgendwie bemerkbar machen. Vielleicht standen die anderen ja in diesem festen Grün und trauten sich nicht auf das gelbliche Kitzeleis. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass es still hielt, wenn er still hielt – die anderen wussten das wohl noch nicht.

Langsam, ganz langsam rutschte er mit einem Fuß vor. Tatsächlich – das Eis trug ihn. Es gab zwar merkwürdig nach, aber es hielt ihn. Also nun den anderen Fuß vorschieben...

 

Langsam näherte er sich der grünen Wand. Sie wuchs nach oben und zu den Seiten, je näher er kam. Das Kitzeln unter den Füßen war eigentlich ganz schön. Ja, er begann das Gefühl zu genießen. Auch tat die Bewegung gut – die Kopfschmerzen lösten sich ein wenig. Der Durst wurde allerdings nicht besser.

Eher im Gegenteil. Nicht daran denken....

 

Nun konnte er erkennen, dass die grüne Wand aus einzelnen Stäben, dicken, eher dunklen Stäben mit grünen Puscheln zusammengesetzt war. Das Rascheln schien aus den Puscheln zu kommen. Sie bewegten sich leicht – sahen aber gar nicht gefährlich aus. Schön war das! Ganz fremd aber irgendwie doch sehr schön. Sicherlich waren die anderen hier. Er rief sie – erst ein wenig zögernd, dann lauter. Er bekam keine Antwort.

 

Was tun? Hier, so direkt vor dem Grün auf Stäben, war es etwas kühler. Auch blies ein leichter Wind. Das tat gut!

Der Weg durch das seltsame Eis hatte ihn ganz schön ermüdet. Es war viel anstrengender als zu Hause. Da glitt man über das Eis.

 

Jetzt habe ich es so weit geschafft, dachte der kleine Pinguin, da werde ich mich doch auch trauen, weiter zu gehen. Hier stehen bleiben, davon wird der Durst nicht weggehen. Und das Kitzeleis ist ungenießbar. Das klebt bloß im Schnabel.

 

Dreimal holte er tief Luft. Etwas mulmig war ihm zu Mute. Alle anderen waren weg, er hier ganz allein, alles sah anders aus, fühlte sich anders an - und er wusste nicht einmal, wie er hergekommen war!

Wie dem auch sei, dachte der kleine Pinguin, ich habe es geschafft, über das Eis zu laufen, dann schaffe ich es auch weiter zu gehen.

Er blickte noch einmal auf das Meer zurück und dann watschelte er entschlossen zwischen die dicken dunklen Stäbe. Hier war es einfacher vorwärts zu kommen. Zum Glück.

 

Die Geräusche waren ganz anders als eben noch. Das Rascheln wurde eher zum Rauschen. Manchmal war es auch gar nicht mehr zu hören. Hin und wieder knackte es irgendwo. Und manchmal konnte er ein Piepsen höre, wie er es noch nie gehört hatte. Es war schon etwas beängstigend und fremd, aber im Großen und Ganzen wirkte es sehr friedlich und beruhigend auf ihn. Vorsichtig nach links und rechts spähend traute er sich immer weiter voran.

Wie lange er sich nun schon durch diese Welt bewegte, wusste er nicht. Sein Rufen nach den anderen Pinguinen blieb die ganze Zeit erfolglos. Der Durst machte ihm zu schaffen und die Füße taten nun auch sehr weh. Am liebsten hätte er sich etwas ausgeruht, aber das ließen der Durst und die leise Furcht, die ihn begleitete, nicht zu.

Es wurde langsam dunkler, die Furcht wurde größer. Wo sollte er die Nacht verbringen? So ganz allein in dieser fremden Welt?

 

Da hörte er plötzlich laute Geräusche. Was mochte das nur sein?

Nach all dem, was ich mich heute schon getraut habe, kann es nicht verkehrt sein, wenn ich mich auch traue, zu dem Geräusch zu gelangen. Die anderen Pinguine hören es möglicherweise auch und kommen dann dorthin. Ja, sicherlich, dort würde er sie alle wiederfinden.

 

Wieder holte er tief Luft und dann watschelte er entschlossen auf das Geräusch zu. Es wurde immer lauter, je näher er darauf zukam. Andere Pinguine konnte er nicht heraushören. Das konnte jedoch an der Lautstärke liegen.

 

Als es fast ganz dunkel war, erreichte er eine kleine Lichtung. Hier standen keine dunklen Stäbe mehr im Weg – dafür war der Boden mit grünen Fäden bedeckt, die sich um seien Füße wickelten. Unangenehm war es nur im ersten Moment, dann war es wunderbar erfrischend. Die Fäden waren nämlich kühl und feucht! Endlich etwas Feuchtigkeit! Er nahm einen Faden in den Schnabel – und es gelang ihm etwas von der Feuchtigkeit aufzusaugen. Oh, nun merkte er erst wie groß der Durst war! Der Bauch fing an zu brummen. Hunger! Wo sollte er denn hier einen Fisch auftreiben?

Nein, Mut, verlass mich nicht, dachte der kleine Pinguin. Und weil er ein so mutiger Pinguin war, watschelte er tapfer weiter. Inzwischen war es stockdunkel und das fremde Geräusch füllte die ganze Luft aus. Es roch würzig – dunkel roch es – aber auch nach Wasser! Das trieb ihn an, er lief schneller.

 

Da rutschte er plötzlich aus. Platsch, lag er auf dem Bauch und glitt über die feuchten grünen Fäden direkt in ein mildes Nass. Kein Boden mehr unter den Füßen! Er bekam einen riesigen Schrecken, prustete und paddelte mit den Flügeln.

Den ganzen Tag hatte er sich sehnlichst Wasser herbeigewünscht und nun war der Schreck größer als die Freude. Was war er doch für ein Schussel! Er trank in vollen Zügen. Oh, wie gut das tat. Es schmeckte zwar nicht so gut, ein wenig wie der Geruch, und kalt war es auch nicht – aber das war nun wirklich nicht so wichtig.

 

Als er den Durst gestillt hatte und innehielt, stellte er fest, dass das Geräusch, welches ihn hergelockt hatte, verstummt war. Verzagt hörte er hier und da ein „Quark“ aber sonst war es still.

Und dunkel war es nun auch gänzlich. Er blickte sich um und versuchte etwas zu erkennen. Nur Schatten waren auszumachen. Aber dort, dort blinkte ein kleines Licht. Was war das? Ein herabgefallener Stern vielleicht? In dieser seltsamen Wirklichkeit war so was bestimmt auch möglich.

 

Er rief nach den anderen Pinguinen. Keine Antwort. Oh weh, was sollte er nur tun? Wie sollte er ruhig schlafen können, wenn die anderen nicht da waren?

Das kleine Licht kam auf ihn zu. Er stand noch immer in dem Wasser und starrte nun dem Licht entgegen. Das Licht wurde von einer schwarzen Silhouette getragen. Er überlegte, ob er wegtauchen sollte, befand dann aber, dass das sinnlos wäre, weil das Wasser nicht tief genug war. Es machte ihm auch ein wenig angst, dass das Wasser so warm und still war.

 

Inzwischen war das Licht ganz nahe herangekommen, die Silhouette beugte sich zu ihm hin und sagte etwas. Eindeutig – wie konnte das sein? Sie sagte etwas! Das war kein Pinguin, wie konnte es sein, dass er verstand, was da gesprochen wurde? Er erkannte, dass ihn ein Augenpaar freundlich-fragend ansah. Unter den Augen war kein Schnabel, nur eine kleine Beule und die bewegte sich auch gar nicht wenn dieses Wesen sprach. Ein Schlitz unter dieser Beule, der bewegte sich, das konnte er erkennen.

Ganz ruhig bleiben, sagte sich der Pinguin, ganz ruhig. Was hat es für einen Sinn, wenn du zwar weißt, dass Du das Wesen verstehen kannst, aber die Bedeutung der Worte nicht hörst?

Das mit dem Atmen und dem Zählen hatte schon einmal heute geklappt.

 

Jetzt konnte er verstehen, richtig verstehen, was die Silhouette sagte. Sie sagte: „Na so was! Ein Pinguin in dem Froschtümpel! Mit dem Kerzenlicht kann man wirklich nicht so gut sehen, aber wenn ich es richtig bedenke, bist Du doch ein Pinguin?! Meine Grundkenntnisse über Pinguine sind nicht sehr weitreichend, aber sie sagen mir, dass es Zeit wird, dass Du hier herauskommst. Ich habe noch nie gehört, dass Pinguine nachts warmes Froschtümpelwasser genießen.“

 

Der Pinguin konnte vor Erstaunen gar nicht antworten. Es tat gut, so freundlich angesprochen zu werden, aber wie spricht man mit jemanden, der nicht einmal einen Schnabel hat?

Das Wesen stellte das Licht neben sich ab und zog den Pinguin aus dem Wasser.

„Weißt Du was? Ich mache Dir jetzt erst mal eine schöne kühle Badewanne, dann guck ich wo wir etwas Fisch herbekommen und Du erzählst mir, wie Du hier her gekommen bist.“

 

Nach der Wanne und mit viel Fisch im Bauch erzählte der Pinguin dann seine Geschichte. Ungefähr so, wie ich sie hier aufgeschrieben habe.

Was wirklich passiert war, konnten wir nie herausfinden – und einen Weg zurück haben wir auch nicht entdecken können. Andere Pinguine haben wir im ganzen Wald nicht gefunden – auch nicht am Strand. Dabei haben wir lange gesucht.

Die Pinguine bei Hagenbeck waren leider auch keine große Hilfe.

 

Schließlich hat der Pinguin, sich entschlossen, bei mir zu bleiben. Den Entschluss haben wir groß gefeiert – mit Hering satt und Eis gecrasht. Und einen Namen hat er auch bekommen.

Was liegt näher, als einen Königspinguin Kaiser zu nennen? Ja, wir hatten viel Spaß miteinander.

Aber als ich am nächsten Morgen in das Wohnzimmer kam, sah Herr Kaiser dann so aus, wir ihr ihn alle kennt....

 

© Dörte Schmidt-Reichard