Jour Fixe - Eigene Geschichten

Poetry Slam - Januar 2008

Jeder hatte ein Wort genannt, das in den Geschichten vorkommen sollte:

  • Grundkenntisse (Stefan)
  • Kerzenlicht (Petra)
  • Pinguin (Dörte)
  • Zeit (Viktoria)
  • genießen (Ruth)
  • Froschtümpel (Brigitte)

Was dabei heraus kam kann hier nachgelesen werden:

Dörte:

Wie Herr Kaiser zu mir kam

Stefan:

Der Wasserberg

Ruth:

Ein Pinguin auf Kreuzfahrt

Viktoria:

Der Klimawandel fordert erste Opfer in Norddeutschland

Petra:

Tanz

Brigitte:

...und den Nordpol gibt's auch bald nicht mehr

Petra:

Heimweh (als Zugabe)

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Der Wasserberg

Die Sonne hatte sich schon weit über den Horizont erhoben, als Robert Bachmann, angehender Meeresbiologe aus Bremerhaven, wie jeden Morgen an Deck seiner kleinen Motoryacht kletterte. Mit zerzausten Haaren und Zehntagebart stand er da und räkelte sich genüsslich in der um diese Zeit noch angenehm warmen karibischen Morgensonne. Wie immer in solchen Momenten dankte er sich für seine Berufswahl. Später jedoch würde es wieder unerträglich heiß werden und er musste mit seinem Boot den ganzen Tag durch die Gegend schippern, um an 50 neuen Messpunkten Wasserproben zu nehmen.

 

Seit sein Institut sich an der Erforschung der toten Pinguine beteiligte, die in letzter Zeit immer häufiger in der Karibik gefunden wurden, hatte man ihn hierher zum Beproben abkommandiert und seit Tagen hatte er nichts anderes getan. Aber als kleines Lich t musste er s ich fügen. Anfangs war er sogar begeistert, aber das hatte sich schnell gelegt, als er merkte, was es hieß, tagelang allein auf dem Meer umher zu schaukeln.

 

Irgendwann wollte er einmal ausrechnen, wie viel Wasser er schöpfen müsste, damit der Wasserspiegel weltweit um einen Millimeter sank.

 

Alles schien wie jeden Morgen zu sein, als er plötzlich am Horizont etwas entdeckte, das aussah wie ein Berg aus Wasser. Anfangs wollte er seinen Augen nicht trauen. Zu unwirklich erschien ihm, was er da sah. Ein Trugbild, das seine Sinne ihm zur Strafe dafür vorspielten, dass er sie hier ein paar toter Pinguine wegen seit Wochen tropischer Sonne aussetzte.

 

Ohne zu zögern warf er den Motor an. Als er sich mit seiner Yacht der Stelle näherte und das unwirkliche Bild von einem immer lauter werdenden Tosen begleitet wurde, bestand kein Zweifel mehr. Hier, mitten auf dem Ozean, schoss ein gigantischer Wasserschwall aus dem Meer hervor. Wasser entsprang aus Wasser. Das ganze hatte etwas biblisches.

 

Gebannt stand Bachmann an Deck und schaute auf das unglaubliche Schauspiel. Was er sah schien Teil eines gigantischen Naturphänomens zu sein, von dem er noch nie etwas gehört hatte. Wie die Belüftungspumpe im großen Becken des meeresbiologischen Institutes in Bremerhaven, schoss es ihm durch den Kopf. Allerdings war jenes im Vergle ich nur ein Froschtümpel. Und die Pumpe hier - wenn man es so nennen konnte - war viel, viel größer.

 

Als er noch etwa 200 Meter entfernt war, entdeckte er das Rohr. Denn, was sich da durch die Wasserwand abzeichnete, konnte nur ein gigantisches ohr sein, dessen Ende etwa zwei Meter aus dem Wasser ragte und mindestens 20 Meter im Durchmesser maß. Aus ihm schienen sich all die Wassermassen zu ergießen. Aber wo führte es hin, oder besser, wo kam es her?

 

Die Wassertemperatur-Anzeige war je näher er kam immer weiter

gefallen. Aus den sonst üblichen 25°C waren schnell unter 20°C geworden. Was ging hier vor?

 

Noch bevor er die Frage im Geiste zu Ende formulieren konnte, war da ein Gedanke, der sich in Erkenntnisgeschwindigkeit zu einer ziemlich ungeheuerlichen Theorie entwickelte.

 

All die toten Pinguine mitten in der Karibik, fern ihrer antarktischen Heimat, deren Tod er mit untersuchte, das Abfallen der Wassertemperatur, die Verwerfungen auf dem Energiemarkt, die in letzter Zeit durch zahlreiche Übernahmen großer Unternehmen durch den Stromkonzern Electro-Brasil entstanden waren - all das, was scheinbar in keinem Zusammenhang stand, ergab für ihn plötzlich einen Sinn.

 

Zwar widersprachen seine Grundkenntnisse über kommunizierende Röhren dem, was sich in seinem Kopf zunächst noch als vager Gedanke abzeichnete. Aber, wenn er berücksichtigte, was er über die zum Teil erheblichen Abweichungen der Meeresspiegelhöhe in verschiedenen Regionen der Welt von den theoretischen Meereshöhen bei einer idealen Kugelform wusste, dann konnte das, was er hier sah Teil von etwas sein, das es eigentlich gar nicht geben konnte. ...

Ja, so musste es sein. Was er hier sah, war ein gigantisches perpetuum mobile. Eine Quelle unbegrenzter, nahezu kostenloser Energie.

 

Irgendwo, ein paar tausend Kilometer entfernt, in der Nähe der Antarktis musste sich das andere Ende dieses Rohres befinden. Dort allerdings, wo der Meeresspiegel über einhundert Meter höher war als hier, schaute das andere Ende des Rohres nicht aus dem Wasser.

Es befand sich unter der Oberfläche und sog all die Wassermassen in sich auf, die hier wieder aus ihm hervorschossen. Deutlich sah er den Schlund vor sich . Genau so musste es sein. Alles funktionierte ohne jede Pumpe, nur durch Schwerkraft. Das Wasser stürzte am Einlauf knapp einhundert Meter in die Tiefe, bis es auf den mit dem Auslass auf einem Niveau befindlichen Wasserspiegel innerhalb des Rohres traf. Kurz oberhalb dieses Punktes mussten sich die Turbinen befinden.

 

Nur so konnten so viele Pinguine immer wieder hierher gelangt sein, aufgesogen von einem gigantischen Rüssel, ausgespieen in einer für sie lebensfeindlichen Umgebung.

Und nur so hatte die Petro-Brasil-Tochter Electro-Brasil den halben amerikanischen Energiemarkt übernehmen können.

 

Plötzlich schreckte er aus seinen Gedanken. Irgendetwas hatte sich verändert. Ihm war, als hätte ein kühler Lufthauch das Licht einer Kerze erstickt und es fröstelte ihn auf einmal. Es war das Tosen der Wassermassen, das nachgelassen hatte. Der Wasserschwall wurde allmählich kleiner und kleiner, bis er kurz darauf ganz versiegte.

Jetzt war das Rohr deutlich zu sehen. Es sah aus wie einer dieser riesigen Öltanks, die er immer vom Hafen aus sehen konnte .

Dann begann das Rohr, sich lautlos zu senken. Als es im Wasser verschwunden war, sah alles wieder ganz friedlich aus, so als wäre nichts gewesen.

 

Bachmann wurde euphorisch. Er war sich sicher, er hatte das Rätsel der toten Pinguine gelöst.

Doch ihm blieb keine Zeit, seinen Triumph zu genießen. Denn abermals schien sich etwas zu verändern. Das Meergeriet wieder in Bewegung.

 

Und noch in dem Moment, als Bachmann den sich bildenden Strudel sah, wusste er, dass es keinen Sinn hatte, das Boot noch zu wenden. Irgendwo auf der Welt musste der Meeresspiegel gerade noch deutlich tiefer liegen als hier. Schnell wurde der Strudel größer und schon nach wenigen Sekunden riss es ihn wie einen kleinen Pinguin in die Tiefe.

 

© Stefan Mielich