Jour Fixe - Eigene Geschichten

Poetry Slam - Januar 2008

Jeder hatte ein Wort genannt, das in den Geschichten vorkommen sollte:

  • Grundkenntisse (Stefan)
  • Kerzenlicht (Petra)
  • Pinguin (Dörte)
  • Zeit (Viktoria)
  • genießen (Ruth)
  • Froschtümpel (Brigitte)

Was dabei heraus kam kann hier nachgelesen werden:

Dörte:

Wie Herr Kaiser zu mir kam

Stefan:

Der Wasserberg

Ruth:

Ein Pinguin auf Kreuzfahrt

Viktoria:

Der Klimawandel fordert erste Opfer in Norddeutschland

Petra:

Tanz

Brigitte:

...und den Nordpol gibt's auch bald nicht mehr

Petra:

Heimweh (als Zugabe)

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Der Klimawandel fordert erste Opfer in Norddeutschland

„Keine Zeit“, erwiderte die Nina, die Moderatorin, „ich muss in die Maske, jetzt sofort!“ Die Kollegen sahen sie noch den Flur entlang eilen, dann war nur noch ihr aufdringliches Parfum zu riechen. Das legte sie immer zur Sendung auf, war Lily aufgefallen. Komisch – als wenn die Zuschauer das hätten riechen können. Aber Lily fand die Redaktion und die Sendung „Knallhart – der Polit-Talk“ sowieso komisch. Sie war die Praktikantin.

 

Ihre Aufgabe war, am Abend der Live-Sendung zu recherchieren, ob die Gäste sich noch aktuell zum Thema geäußert hatten oder ob die Nachrichtenlage der Agenturen sich so geändert hatte, dass das Sendekonzept umgeschrieben werden musste. So saß sie im so genannten VIP-Raum eines norddeutschen öffentlich-rechtlichen Senders am Laptop und hielt gewissermaßen die Stallwache. Die Kellnerinnen Melanie und Christina zündeten Kerzen an, entkorkten die Weinflaschen, naschten von den Schnittchenplatten und lästerten über Ninas neue Frisur: Steckte ein neuer Mann dahinter? So blondiert war sie vorgestern von Sylt zurückgekommen. Nina würde erst ganz kurz vor der Sendung hektisch anrauschen – das sei gut für den dramaturgischen Spannungsbogen, hatte sie neulich erklärt. Schlecht war es für die Nerven der Aufnahmeleiterin, aber Nina genoss ihren Auftritt einfach umso mehr, je knapper die Zeit war.

 

Die Herren und Damen Redakteure machten am Abend eine kreative Pause, bevor die Gäste eintrafen. Lily musste nebenbei auch noch mit der Aufnahmeleitung und den Chauffeuren der Gäste, mit Taxiunternehmen und Reisebüros telefonieren, falls sich logistische Probleme ergaben: Staus und Autopannen, Glatteis und Nebel, Fluglotsenstreik, „unbefugte Personen im Gleis“. Dieses Mal hatte sich bloß der gehypte und umstrittene Klimaexperte Prof. Busch gemeldet: Seine Frau wolle ihn auf keinen Fall allein nach Hamburg reisen lassen, weil doch die ganze Stadt voller Demonstranten sei, Anarchie und so weiter. Bitte ein Doppelzimmer im Atlantik Hotel. Für Lily war klar: Der Mann wollte seine Geliebte einschmuggeln und ein bisschen angeben. Kein Problem, das Doppelzimmer hatte sie schnell gebucht und das war billiger als eine als Telefonrechnung getarnte Prostituierte wie neulich im Airporthotel. Busch vertrat die Meinung, dass der Klimawandel sich um einiges schneller vollziehen würde als bisher angenommen und dass die Sylter Schickeria es zuerst merken würde: Die Westkante würde abbrechen und die spektakulärsten Häuser mitreißen, Prominente würden obdachlos!

 

Auf der Presseseite seines Klimainstituts hatte er schon mal vorab verkündet, was er heute Neues zum Besten geben wollte: Der ganze Sylter Osten würde zum Froschtümpel werden, innerhalb kürzester Zeit. Die gesamte Wattseite werde verlanden und sei schon verloren, genau dort, wo die Immobilienpreise am höchsten waren, genau dort, wo der neue Kurdirektor Klausen gerade ein gigantisches Immobilienobjekt eingeweiht hatte – angeblich war er sogar daran beteiligt… Klausen war auch in die Sendung eingeladen worden - Ninas Vorschlag.

 

Nun, sollte sie die Meldung unter Ninas Garderobentür durchschieben? Lily wollte keinen Ärger bekommen. Die Notiz sollte Nina wirklich noch lesen. Klausen war bekannt dafür, dass er cholerisch reagierte, wenn jemand seine schöne Insel schlecht machen wollte. Und dies war wirklich eine Steigerung von schlecht machen – vernichten hieß der passende Ausdruck. Lily hoffte, dass sie nicht mit ihm allein sein würde, der Mann gruselte sie. Früher hatte er Boxwettkämpfe organisiert, auch illegale, mutmaßte man.

 

Wahrscheinlich würde sie nachher wieder mal mit den Chauffeuren der Gäste an einem Tisch landen und ihrem heimlichen Hobby frönen: nontakten nannte sie es, also nicht-kontakten und damit den Sinn und Zweck der ganzen Redaktion sabotieren. Sie ließ die VIPs immer links liegen und kümmerte sich um das Fußvolk. Nur noch zwei Wochen unbezahlte Ausbeutung, danach wusste sie wirklich, was sie niemals werden wollte.

 

Melanie baute jetzt noch einen riesigen Kuchen in Pinguinform auf dem Buffet auf. Die schokoladigen Bärentatzen-Füße standen auf einem Haufen Marshmallows und sahen nicht sehr pinguinartig aus. Aber eine Kellnerausbildung vermittelt eben nicht einmal Grundkenntnisse in Zoologie.

 

Nun – in wenigen Minuten sollten die ersten Gäste kommen. Lily war unschlüssig. Was tun mit den News? Sie druckte die Meldung dreimal aus und schaute sich um. Dann stopfte sie hastig zwei Käsebrötchen in ihre Handtasche und schlenderte unauffällig um die Ecke. Noch ein paar Momente Ruhe, die Nacht würde noch lang und stressig genug sein. Sie biss in das erste Brötchen und suchte in der Handtasche nach ihren Zigaretten. Draußen fuhr jetzt ein Wagen vor, Autotüren klappten, dann sah sie schon das zweite Taxi ankommen. Egal, diese Minuten hatte sie noch für sich, ganz in Ruhe und allein auf der Galerie des Studio-Neubaus. Ab 22 Uhr galt auch das Rauchverbot nicht mehr, fand sie.

 

Als der Schuss fiel, hatte sie gerade aufgeraucht. Es war irrsinnig laut, danach einfach nur still. Das machte keinen Sinn, fand Lily. Langsam ging sie um die Ecke, schlich auf den Garderobenflur, hörte Schritte, eine Tür öffnete sich. Nina in ihrem kürzesten Kleid schaute um die Ecke, neugierig, nicht ängstlich. Da stand noch eine andere Frau, jung. Sie sank in die Hocke, schnaufte. Und da erst sah Lily Professor Busch am Boden liegen. Kurdirektor Klausen im Hintergrund. Sie verstand erst, als die junge Frau anfing, hysterisch zu schreien: „Er hat ihn umgebracht! Rufen Sie die Polizei!“ Aber da fiel noch ein Schuss, oder war Nina schon vorher umgefallen? Lily konnte es kaum ausmachen. Sie sah nur noch, wie Klausen sich umdrehte, „Rufen Sie sie!“ sagte und ein paar weiße Zettel in kleine Stücke zerriss und über das Treppengeländer fallen ließ.

 

Im Kerzenlicht sahen die Pinguinfüße niedlich aus. Und die Begleiterin des ermordeten Professors noch jünger als sie war. Lily blies die Kerze aus. Sie hatte der Polizei alles gesagt, was sie wusste. War sie Schuld an den zwei Toten? Der Kommissar meinte nein. Klausen war Amok gelaufen: Er hatte die Pressemeldung von Klausen gelesen und befürchtete, in der Sendung würde Sylt dem Untergang geweiht werden. Und weil er mit Nina eine Affäre gehabt hatte, ging er davon aus, dass sie die Drahtzieherin in diesem Komplott war. Und das, obwohl sie doch für ihn und das Immobilienprojekt PR machen sollte!

 

In der Garderobe fand der Kommissar Ninas Handy und die letzte SMS, die sie bekommen hatte: „Deine Beteiligung vertragsreif. Freue mich auf die AftershowParty. Dein Kurdirektor.“

 

Lily war müde. Der Redaktionsleiter hatte sie in den Arm genommen, nachdem er die Ersatzkassette in die MAZ gegeben hatte, die Studiocrew nach Hause geschickt hatte und noch zwei Rotweinflaschen eingesteckt hatte. Jetzt lief ein Film über Eisbären.

 

© Viktoria Urmersbach