Jour Fixe - Eigene Geschichten

Poetry Slam - Januar 2008

Jeder hatte ein Wort genannt, das in den Geschichten vorkommen sollte:

  • Grundkenntisse (Stefan)
  • Kerzenlicht (Petra)
  • Pinguin (Dörte)
  • Zeit (Viktoria)
  • genießen (Ruth)
  • Froschtümpel (Brigitte)

Was dabei heraus kam kann hier nachgelesen werden:

Dörte:

Wie Herr Kaiser zu mir kam

Stefan:

Der Wasserberg

Ruth:

Ein Pinguin auf Kreuzfahrt

Viktoria:

Der Klimawandel fordert erste Opfer in Norddeutschland

Petra:

Tanz

Brigitte:

...und den Nordpol gibt's auch bald nicht mehr

Petra:

Heimweh (als Zugabe)

Bitte vor dem Lesen beachten:

Die Texte unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Die Vervielfältigung, Bearbeitung,
Verbreitung und jede Art der Verwertung bedürfen der Zustimmung des jeweiligen Autoren.

Eine Mail an Jourfixe wird entsprechend weitergeleitet.

Tanz

Sie hatten sie überredet, ihren Widerstand einfach nicht gelten lassen. Ein Grund, den sie hätte nennen können, war ihr allerdings sowieso nicht eingefallen. Nun saß sie im Auto und die Lichterspiegel auf der regennassen Straße glitten rhythmisch vorbei und verringerten viel zu schnell den Abstand zum Ziel.

 

Die anderen schwatzten und lachten, aber Li konnte nicht mitreden, nicht einmal zuhören. Die Worte glitten an ihr vorbei wie die Lichter draußen.

Auf dem Parkplatz drückte sich der kleine Honda in die letzte Lücke. Sie mussten auf dem Weg zum Eingang um die großen Pfützen herumbalancieren, in denen über Kopf und spiegelverkehrt die eisblaue Neonschrift zu lesen war: „Arctic Pinguin“. Li überlegte, ob sich wohl irgendeiner der tanzwütigen Teenager, die zur Disco strömten – es schienen hautsächlich Schüler aus Izumo zu sein – über die Absurdität des Namens wunderte.

 

Mit jedem Öffnen der Tür waberte ihr die Musik schon entgegen. Als letzte in der Schlange trat sie ein und sofort legte sich der Beat um ihren Körper wie ein roter Plüschmantel. Einer der Freunde schob sie zur Bar und sie hievte sich auf einen der hohen Hocker mit dem Rücken zur Tanzfläche.

Das plüschige Gefühl wurde vom Kerzenlicht verstärkt, das aus Gläsern hervorflackerte, die mit rot gemustertem Seidenpapier umklebt waren. Auch die Flammen schienen sich nach dem Rhythmus der Musik zu richten, der Schalldruck brachte sie zum Tanzen, sie schmeckten wie Chili und Pflaumensauce auf einem sehr spitzen Löffel.

 

Die meisten Barhocker waren leer, weil sich alles auf der Tanzfläche drängte, zu der sich Li jetzt zögernd umwandte. Die Masse wogte wie Pudding auf dem Tablett eines Kellners gleichmäßig im Takt. Li konnte einzelne Leiber ausmachen, die sich entrückt bewegten, sinnlich wiegende Hüften und entspannte Gesichter unter blau glänzendem Haar. Was würde sie dafür geben, so in der Musik schwimmen zu können, so leicht und automatisch, so schön. Aber die Grundkenntnisse, die sie Anfang des Jahres aus den furchtbaren Tanzschulstunden mitnehmen konnte, halfen hier nichts. Dies war kein geregeltes Setzen von Schritten, dies war Transformation von Rhythmus in Freude und Trance.

Traf sie auf Blicke, drehte sie schnell das Gesicht zu ihrem Glas und trank mit betont uninteressierter Miene von ihrer Cola. Als sich jedoch die Plätze an der Theke neben ihr zu füllen begannen, spürte sie wieder das Chamäleon der Angst langsam ruckartig schwankend ihren Rücken hochsteigen. Sie fühlte die Blicke der Jungs, die jetzt mit ihren Partnerinnen zurückkehrten und nach einer weiblichen Abwechslung Ausschau hielten für eine neue Runde. In Lis Eingeweiden begann das vertraute hohle Ziehen und sie stürzte, erleichtert über diese Fluchtmöglichkeit, zur Damentoilette.

Kichernde Mädchen standen vor dem Spiegel, zogen Lippenrot oder Kajalstrich nach, alle mit dem Ziel Miaka Yuuki oder einer anderen Figur der neuesten Mangas zu ähneln. Li drängte sich vorbei in die rettende Festung der Toilettenzelle.

 

War sie ein Mauerblümchen? Wie die kleinen weißen Sternblüten, die in den Mauerritzen des Izumo-Taisha, des Shinto-Schreins in ihrem Wohnviertel wuchsen? Die waren überirdisch schön, kleine Lobelien, die jeder bewunderte und für ein göttliches Geschenk hielt. Nein, sie fühlte sich überhaupt nicht wie eine Blüte, eher wie eine Wurzel, die gewaltsam aus der satten Erde gezogen zwischen Blüten vertrocknete, die vergnügt ihre Gesichter der Sonne zuwandten. Außerdem sehnten sich menschliche Mauerblümchen danach, aufgefordert zu werden. Li nicht, Li fürchtete sich davor.-

 

Am Sonntagmorgen erwachte Li durch den Schrei des Pfaus auf dem Nachbargrundstück und dachte kurz und erleichtert daran zurück, wie sie die restliche Zeit und den Druck des Abends gestern auf der Damentoilette durchgestanden hatte. Schnell stand sie vom Futon auf, erfrischte sich im Bad mit kaltem Wasser und wickelte sich in ihren alten Lieblingskimono. Sie wollte in den Tempelgarten bevor die ersten Besucher zum Shinto-Schrein kamen.

 

Leise verlies Li das Haus und lief die zwei Häuserblocks bis zum Rand des Parks. Ein sanfter Wind summte durch die Kronen der Kiefern und auf dem Frauenmantel, der den Weg säumte, lagen dicht an dicht die silbrigen Wasserperlen, gehalten und gleichzeitig abgestoßen vom Haarflaum der Blätter. Li atmete den harzigen Duft und lief lautlos auf dem weichen Boden zum gegenüber liegenden Ende des Parks.

 

Unter den Schirmkronen der Agathie-Bäume, deren lichtes, hellgrünes Laub die Sonne bis auf den Boden hindurchblinzeln ließ, lag ihr Platz, ihr Platz zum allein mit sich sein. Der Froschtümpel, wie ihr Vater ihn abwertend nannte, denn er war der vom Zen-Geist durchwirkten Gartenbaukunst entgangen, die sonst das Tempelgelände bestimmte. Er war ein kleiner, natürlicher Weiher, an dessen Rand sich die Teichfrösche Gesangswettbewerbe lieferten und nacheinander wie grüne Gummibälle ins Wasser hüpften, wenn jemand den Teich umrundete.

 

Die Morgensonne glitzerte auf dem von den Froschsprüngen bewegten Wasser und über Li legte sich wie ein tiefer Ton die sanfte Ruhe, die sie nur hier spürte. So konnte sie den auf und abschwellenden Tanz der Mücken über dem Wasser genießen, ohne sich angstvoll verbergen zu wollen. Ein Tanz der einem verborgenen Zweck diente und keiner Musik bedurfte, keines Tanzpartners, keiner Zuschauer.

 

© Petra Ludwig-Sidow