Jour Fixe - Eigene Geschichten

Poetry Slam - Januar 2008

Jeder hatte ein Wort genannt, das in den Geschichten vorkommen sollte:

  • Grundkenntisse (Stefan)
  • Kerzenlicht (Petra)
  • Pinguin (Dörte)
  • Zeit (Viktoria)
  • genießen (Ruth)
  • Froschtümpel (Brigitte)

Was dabei heraus kam kann hier nachgelesen werden:

Dörte:

Wie Herr Kaiser zu mir kam

Stefan:

Der Wasserberg

Ruth:

Ein Pinguin auf Kreuzfahrt

Viktoria:

Der Klimawandel fordert erste Opfer in Norddeutschland

Petra:

Tanz

Brigitte:

...und den Nordpol gibt's auch bald nicht mehr

Petra:

Heimweh (als Zugabe)

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Heimweh

Wie ein hüpfender Brummkreisel summt sich der Kühlschrank zum Hintergrundraunen. Die Tränendrüsenklänge, die mit dem kubanischen Son der prärevolutionären Greise wechseln, heben Julios Stimmung keinen Zentimeter. Cuba, vier Buchstaben, ein Klang wie Sofa im Kerzenlicht . Selbst „El Commandante“ an der Wand, einst gehasst und maximal mit „El Caballo“ tituliert, liefert ein heimelig-heimatliches Gefühl.

 

Hier ist eigentlich der falsche Ort. Hier, wo Einmal-Kubatouristen, die ihre beschränkte Urlaubs- Zeit hauptsächlich im Hotel zubrachten oder eingefleischte Wiederholungstäter, die im Jahresabstand auf die Insel der Propinos fahren, auf ihrer imaginären Leinwand graubunte Bilder projizieren vom Malecón, Schweinebucht und Zigarren. Zigarren, so süß und braun wie die Mulattinnen-Schenkel, auf denen sie in Wahrheit nicht gedreht werden.

Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen zieht es Julio hierher ins QBA II, Kuba dos, das zweite Kuba, keine zweite Heimat, nur zweite Wahl.

 

Zwar hatte er sich nach der überraschenden Wende entschlossen, in der ehemaligen DDR zu bleiben, jetzt wo er endlich über Grundkenntnisse der deutschen Sprache hinaus war, und die Chancen des herüberschwappenden Kapitalismus' zu nutzen, aber zu welchem Preis? Mehlsauce statt Salsa, kalter Nieselregen anstelle des feinen Schweißfilms auf der Haut. Und schließlich und endlich verschlossene Häuser und abweisende Straßen statt der abendlichen Geselligkeit auf der Straße, wo der eine Nachbar den Fernseher aus staatlicher Belohnung vor die Haustür rückt, der andere die Freunde von nebenan zum Backgammon lädt oder mit ihnen ein Fläschchen Havana Club genießt.

 

Diese Gesellschaft der klimatisch begünstigten Straßen wäre in Berlin allenfalls nach erfolgreicher Einwirkung des Treibhauseffektes vorstellbar, doch die kühle deutsche Seele reagiert kaum auf CO 2 -Anstieg, ihr sind die Pinguine am Südpol wichtiger als ein karibisches Leben in der Heimat , deshalb würden dann sicher nur die Klimaanlagenhersteller glücklich. Er aber Julio, ein Kind der Sonne und des Lebens, muss nun fünf Monate Kälte und Regen durchstehen, bevor die ersten Sonnenstrahlen ein Versprechen von Sommer auf die Haut zaubern.

 

Jeden Abend im QBA II abzuhängen, ist jedenfalls nicht die Lösung. Selbst wenn sich auf der Tanzfläche nicht nur bleiche Berliner unrhythmisch dicht an dicht bewegen, so dass man nur ab und zu einzelne Köpfe aus der wogenden Masse auftauchen sieht, so wie Schallblasen in einem überfüllten Froschtümpel, sondern auch dann, wenn die Latino-Mädchen aus der Spandauer Nachbarschaft kommen. Mit ihrem ansteckenden Lachen und ihren sinnlichen Tanzbewegungen bringen sie heimatliche Gefühle in den düsteren Sinn. Aber nicht lange, dann ist alles wieder vorbei und Julio wird bewusst, dass er in Ostdeutschland ist, wo es abends nach Braunkohlenfeuer riecht und nicht nach dem würzigen Feuer der Santeria, nicht nach Barbecue und nicht nach dem Schweiß der Zehntausend, die bei glühender Hitze den ewig langen Reden Fidels lauschen.

 

© Petra Ludwig-Sidow